Über mein Rendezvous mit Herrn Addison oder warum Cortison nicht böse ist

 

Die bunte Welt der Hormone war im Studium nicht gerade mein Lieblingsthema. Klar, sonst wär ich jetzt Endokrinologin und nicht Kinderärztin. Aber manche Dinge stellen einem so lange nach, bis man sich mal richtig mit ihnen auseinandersetzt. So geht es mir mit Herrn Addison. Hier folgt die Geschichte: Unser lebenslustiger, fröhlicher, immer gut gelaunter 5-jähriger Lui hat immer mal ein paar gesundheitliche Problemchen. Alles nicht so dramatisch. Er reagiert auf Stress manchmal mit Durchfall, aber mit ein bisschen Schonkost war das bisher immer schnell erledigt. Er ist nicht so gut bemuskelt, aber er ist ja auch kein echter Galgo und mit regelmäßiger Physiotherapie haben wir das gut im Griff. Zweimal wurde er beim Spaziergang taumelig, fiel hin, und konnte minutenlang nicht aufstehen, aber er selbst war davon völlig unbeeindruckt und nach einer kurzen Pause war alles weg und er ist fröhlich weiter gelaufen. Er ist ein geräuschempfindlicher Hund, aber bei seiner gruseligen Vorgeschichte ist das ja völlig verständlich. Alle tierärztlichen Check-ups immer bestens - nichts, was uns große Sorgen gemacht hätte - Wehwehchen halt. Er kommt aus ja dem Tierschutz, da ist nicht immer alles optimal gewesen in seinem Leben, das merkt man halt. Und dann trafen wir meine Freundin, die auch unsere Tierärztin ist, nach längerer Pause wieder. Sie sah Lui, sah mich an und sagte: "Wie sieht der denn aus, gehts ihm gut?" Ja, mir war auch aufgefallen, dass Lui etwas hohlwangig aussah in letzter Zeit. Aber er war fit, hat viel und mit gutem Appetit gefressen, war lauffreudig, lustig und gut drauf wie immer. Die letzte Episode mit Taumeln war monatelang her, der letzte Durchfall auch. Einzig auffällig war, dass er beim Kauen länger brauchte als meine anderen drei und etwas mehr trank als sonst. "Hmm, na gut." Zwei Tage später ein Anruf: "Ich habe mir Gedanken um Lui gemacht. Da ist was nicht in Ordnung so wie der aussieht!" Also haben wir ihn auf den Kopf gestellt. Mehrere seltene Krankheiten standen im Raum, die einen Untergang der Kaumuskulatur machen, was das langsame Kauen und diesen greisenhaften Gesichtsausdruck erklären würde, den er in der letzten Zeit entwickelt hatte. Die ganzen Wehwehchen fielen mir nach und nach wieder ein. Ob es da wohl einen Zusammenhang gab? Kleine Veränderungen im Blutbild mit erhöhten Eosinophilen, leicht veränderte Nierenwerte, minimal erniedrigtes Eiweiß im Serum, minimale Elektrolytverschiebung (Natrium und Kalium) alles nichts Wegweisendes - trotzdem ließ es meiner Freundin keine Ruhe und sie behielt recht: mit einem nicht nachweisbaren Cortisol-Basiswert, den sie im Labor nachgemeldet hatte, gab es eine völlig neue Verdachtsdiagnose - Morbus Addison. Was bitte? Morbus Addison? Jaja, ich weiß noch, das ist eine von Herrn Addison Mitte letztes Jahrhundert zuerst beschriebene Erkrankung und echt nicht besonders häufig. Die Nebennieren arbeiten nicht mehr und produzieren keine Hormone, unter anderem kein Cortisol mehr, weil sie entweder kaputt sind oder weil sie keine Signale mehr dafür bekommen. Muss man rechtzeitig erkennen und behandeln, sonst kann das bei Stress innerhalb weniger Stunden tödlich sein. (Und hier zeigt sich wieder mal: nein, Cortison ist nicht böse, wir produzieren es alle selbst und es ist lebensnotwendig. Die Dosis macht das Gift!) Die Grundlagen zum Morbus Addison hatte ich im Studium gelernt, na klar. (Damals wurden Krankheiten noch nach ihrem Entdecker benannt - was für ein Blödsinn! Fand ich vor 25 Jahren schon ätzend.) Das sollte nun die Ursache für Luis Symptome sein? Warum? Und wieso ist er so fit dabei, das ist schließlich eine lebensbedrohliche Krankheit mit krisenhaften Verläufen, oder nicht?! Also hab ich alte Bücher rausgekramt, im Internet recherchiert, mein Wissen aufgefrischt und mich mit dem Unvermeidlichen auseinander gesetzt, hilft ja nichts!

Dann also der ACTH-Test zum Bestätigen der Diagnose und die medikamentöse Einstellung. Alles ganz schön anstrengend. Lui ist doch fit, das passt doch nicht, ich will das alles nicht! Der wurde doch regelmäßig durchgecheckt, ob er einsatzbereit zum tiergestützten Arbeiten ist und da war immer alles bestens, wie kann denn das sein?

Wie gruselig, dass er jetzt für immer auf regelmäßige Medikamentengaben angewiesen ist. Ich beobachte meine Hunde doch ohnehin sehr genau, um zu entscheiden, ob sie Stress haben und ob sie mit mir und meinen Patienten arbeiten können. Nun muss ich noch besser gucken, noch mehr beobachten und noch schneller reagieren, wenn irgendwas nicht stimmt, um eine Krise zu vermeiden? Was für eine riesige Verantwortung!

Und plötzlich die Erkenntnis, dass wir, nein, dass Lui ganz unverschämtes Glück hatte. Glück, dass er noch relativ jung ist, so eine gute Konstitution hat und so eine fitte Tierärztin meine Hunde versorgt. Im Nachhinein wird mir klar, dass Lui vermutlich drei kleine Addison-Krisen hinter sich gebracht hat, die wir mit Bauchgefühl und Hausmittelchen in den Griff gekriegt haben, weil seine Nebennieren da wohl noch Hormonreste produziert haben.

Bei unserem ersten Urlaub in der Schweiz war er gerade ein paar Monate vorher als Notfall zu uns gekommen. Er war aufgrund seiner traumatischen Vorgeschichte ein zwar sehr ängstlicher aber gesunder zweijähriger Hund - in Spanien im Tierheim geboren, war er vermittelt worden, wurde wegen Jagdtrieb abgegeben, erneut vermittelt, hatte dann den erweiterten Suizid seiner neuen Familie erlebt und war wohl einige Tage mit den Leichen allein, bevor er gefunden wurde. Mit dieser Biografie landete er als ängstliches Häuflein Hund bei uns und wurde erstmal gepäppelt und gründlich durchuntersucht. Sämtliche Checks beim Tierarzt waren ohne Auffälligkeiten und die Angst wurde auch schnell besser - das ist ja schließlich auch Teil meines Jobs mit Verhaltensproblemen umzugehen, das kann ich. So ging es guter Stimmung in den ersten gemeinsamen Urlaub mit ihm.

 

 

Gleich bei unserer allerersten Bergwanderung wurde Lui schlapp. Er bekam wasserdünnen, furchtbar stinkenden, blutigen Durchfall (ich kann echt was ab, schon von Berufswegen, aber das war unglaublich brutal!). Lui fraß nichts mehr, schlief stundenlang fast nicht erweckbar und fühlte sich ziemlich kalt an. Glücklicherweise war der Kreislauf aber stabil. Die Tierärztin hatte einen Magendarminfekt in Kombination mit Überlastung und Stress diagnostiziert.

Gegen den Rat der Tierärztin, die eine strikte Nahrungspause verordnet hatte, habe ich ihm aus meinem Bauchgefühl heraus Brühe mit Reis gekocht. Er hat 1,5 l davon in wenigen Stunden verschlungen. Und schon am nächsten Tag war er wieder fit - im Nachhinein klar, wir haben ihm schließlich riesige Mengen an Kochsalz, Wasser und Stärke gegeben. Das hat er gebraucht, um durchzuhalten. Nach einem weiteren Tag Pause haben wir unsere Bergtouren fortgesetzt, er hatte keine Probleme mehr und eine Menge Spaß mit uns, dem Rest unseres "Rudels", den Kühen, Murmeltieren und Ziegen auf den Almen.

Die anderen beiden Episoden waren ähnlich, aber weniger dramatisch. Wenn ich die Geschichten anderer Addison-Hunde so lese (http://www.addisonhun.de/index.php/erfahrungen/unsere-faellefelle), dann kann ich es kaum glauben, was für ein unglaubliches Glück wir gehabt haben damals. Das lässt mich jetzt noch zittern!

Also, ich revidiere meine Meinung - Endokrinologie, die bunte Welt der Hormone, ist ein ziemlich spannendes Thema! Danke, Herr Addison, dass Sie das Krankheitsbild erforscht haben! Danke, Marlis, dass du als meine Tierärztin des Vertrauens dran geblieben ist! Danke, dass es Cortison als Tabletten gibt!

 

 

 

Wir hatten so unglaublich großes Glück bisher! Lui ist nun seit langer Zeit gut eingestellt, ich habe meine Notfalldosis im Portemonnaie (und im Urlaub natürlich immer dabei!) und seinen Job in der Kinder- und Jugendpsychiatrie macht er weiterhin mit großem Spaß und noch souveräner als zuvor. Klar kann man diskutieren, ob so ein chronisch kranker Hund denn wirklich arbeiten sollte. Aber wenn man es genau nimmt, dann war er vor der Diagnose und der Einstellung ein kranker Hund - nur hat das da eben keiner gewußt.

 

  

Jetzt ist er seit über 3 Jahren substituiert mit dem, was ihm fehlt, und damit gesünder als je zuvor. Er ist fit und hat großen Spaß an der Arbeit mit den Kindern - unser Lui Lustig eben, der Lebensfrohe, der stets gut Gelaunte, der immer auf andere zugeht und sie animiert und zur gemeinsamen Arbeit auffordert. Das bleibt hoffentlich noch lange so, schließlich ist er jetzt erst acht Jahre alt.

Glaubt mir, ich beobachte ihn mit Argusaugen. Wenn ich glaube zu merken, dass er Probleme hat, dann wird er geboostet, er bleibt zuhause (was ihm überhaupt nicht gefällt) und wird versorgt. Glücklicherweise passiert das selten. Im Gegenteil, seit er behandelt ist, hatte er nie wieder Durchfall, kein Taumeln, bessere Muskulatur und viel weniger Geräuschangst und auch alle anderen Ängste sind so gut wie weg - ein ganz normaler Hund eben.